Der Krieg in der Vorstellung des Kindes

Elfi Mikesch
Der Krieg in der Vorstellung des Kindes
Interview anlässlich der Premiere des Spielfilms „Fieber“ während der Berlinale 2014
(Kurzfassung s. Die Tageszeitung – TAZ, 12. Februar 2014)

Claudia Lenssen: Dein Film weckt die Erinnerung an vergessene Kriege. Nicht der erste und der zweite Weltkrieg sondern die französischen Kolonialkriege bzw. deren Nachbilder in der Phantasie eines 11-jährigen Mädchens beschäftigen dich. Magst du die autobiografischen Spuren deines Sujets erläutern?

Elfi Mikesch: Es geht um die Zeit von 1922 bis 1932, aus der die Fotografien stammen, die der Vater meiner Hauptfigur Franziska aufgenommen hat. Die Fotografien, die das Mädchen immer wieder heimlich anschaut, sind nicht für meinen Film zusammengestellt, sie waren hier bei mir und ich habe sie all die Jahre mit großer Faszination angeschaut . Mehr, glaube ich, braucht man nicht über die autobiografischen Spuren zu sagen. Es geht um Kriege der französischen Fremdenlegion in Algerien, Marokko und Syrien. Franzi vertieft sich in diese Bilder und stellt eine wichtige Frage: Es heißt doch „Du sollst nicht töten. Wer ist der Feind?“ Die  Mutter antwortet: „Beim Militär darfst du töten.“

Claudia Lenssen: Franziska unternimmt als erwachsene Frau, die selbst Fotografin geworden ist, eine Reise auf den Spuren des Vaters. Auch da drängen Erinnerungen an seine Zeit als Fremdenlegionär herauf.

Elfi Mikesch: Es sind Bilder des Rif-Krieges in Marokko und des Widerstands unter der Führung von Mohammed Abdelkrim gegen die spanische Armee. Die Spanier haben diesen so genannten Aufstand mit allen Mitteln, auch mit Giftgas unterdrückt. Der Vater war in Marokko, Algerien und im französischen Protektorat Syrien als Fremdenlegionär stationiert. Aber auch Deutschland war miteingebunden. In Hamburg wurden Chemiewaffen produziert, die nach Spanien geliefert und in Marokko eingesetzt wurden. Bis heute sind dort Nachwirkungen spürbar. In Deutschland erinnerte man sich erst vor rund zehn Jahren an den vergessenen Rif-Krieg.

Claudia Lenssen: „Fieber“ blendet zurück in eine Kindheit in den 1950er-Jahren und geht von dem Nachhall all dieser Kriege in der Vater/Tochter-Beziehung aus, stellt aber doch die erschreckende Kontinuität zu den Giftgasattacken im gegenwärtigen syrischen Bürgerkrieg vor Augen.

Elfi Mikesch: Ja, als ich den Film vorbereitete, wurde mir die Geschichte dieser Vernichtungswaffen bewusst. Im ersten Weltkrieg wurde ja schon Gas eingesetzt, aber Giftgasbomben aus Flugzeugen setzte man zuerst im Kolonialkrieg ein. Das war ein Experiment mit verheerenden Folgen für die Menschen und Tiere. Bis heute ist die Krebsrate in dieser Region sehr hoch.

Claudia Lenssen: In „Fieber“ werden die unausgesprochenen, nur angedeuteten Erlebnisse und Taten des Vaters  als Phantasien des Kindes lebendig, als Horror-Moment.

Elfi Mikesch: Ich hatte als Kind wie jeder Mensch vor bestimmten Dingen Angst. Und die Angst sehe ich im Rückblick auch als eine Art Nahrung, weil sie die Phantasie beflügelt oder aus ihr stammt. Ich glaube, jeder hat Angst und Kinder besonders. Ich bin in einem sehr autoritären Zusammenhang aufgewachsen. Meine Umgebung war im Grunde noch vom 19. Jahrhundert geprägt. Da waren die mächtigen Erwachsenen, die auch gewalttätig sind. Vor denen hatte ich Angst. Es war Kriegs- und Nachkriegszeit, das hat sich ausgewirkt. Die Flieger, die über uns kreisten, fand ich abenteuerlich und spannend. Und auch die gefürchteten Russen, die in meiner steiermärkischen Heimatstadt vor der Tür standen, waren abstrakte Geschichten. Ich bin nie unmittelbar mit Bombenangriffen konfrontiert worden, ich hab die Auswirkungen gesehen, die Stadt, die zerstört war, die vernagelten Straßenbahnfenster, die Kälte, den Mangel und Hunger.
Es wurde nicht darüber gesprochen, auch nicht über die Verfolgung der Juden in unserer Stadt. Es gab manche Andeutungen und deshalb sind da Geschichten, die als Traum wiederauftauchen, bei denen ich aber nicht weiß, ob sie Wirklichkeit waren, ob ich sie mir eingebildet oder durch Erzählungen in Erinnerung gebracht habe. Ich weiß nicht, ob ich das erlebt habe, dass mein Vater sagte: Da ist ein Ort,  da hat es gebrannt. Ob das eine Synagoge war, weiß ich nicht. Es vermischt sich mit Bildern, die ich forciert habe, weil ich wie jedes Kind Geschichten, die Angst bereiten, auch gesucht habe.

Claudia Lenssen: Dein Film wirkt nicht morbide. Du zeigst die Welt, aus der Franziska stammt, im Fluss, z. B. in einem permanenten Übergang zwischen innen und außen. Der Vater liegt im Malaria-Delirium in einem dunklen abgeschotteten Raum, das Kind spielt in einem Gewächshaus.

Elfi Mikesch: Ich habe als Kind immer Palmen und den Urwald gemalt. Afrika war mein
Sehnsuchtsort. Ich habe mir eingebildet, dass ich aus dem Fenster unseres Plumpsklos auf diesem sehr weit entfernten Berg Palmen sehen konnte. Sie sind in meiner Phantasie gewachsen und dann bin ich zu meiner Mutter gerannt und habe gerufen:  Ich habe Afrika gesehen, da möchte ich hin. So hat sich die Sehnsucht nach exotischen Orten weitergetragen in meiner Geschichte.

Claudia Lenssen:  Du wechselst in „Fieber“ von den Erinnerungen der erwachsenen Franziska in die Perspektive ihrer kindlichen Wahrnehmung.

Elfi Mikesch: Mir war wichtig, mit den Mitteln des Spielfilms von der Gewalt, der Ausnahmesituation und Grausamkeit des Krieges  erzählen zu können, ohne dass Action ins Spiel kommt. In „Fieber“ findet der Krieg in der Vorstellung des Kindes statt. 1952 ist Franzi elf Jahre alt, sie ist ein Kind des zweiten Weltkrieges, aber die Kriege des eigenen Vaters kennt sie nur aus Erzählungen. Wie verarbeitet ein Kind die Konfrontation damit? Was  imaginiert sie, wenn sie keine Antwort auf ihre Fragen findet? Diese andere, fragmentarische Perspektive auf Geschichte interessierte mich.

Claudia Lenssen: Die Gestalten aus den Erzählungen des Vaters, zwei Fremdenlegionäre, schauen dem Mädchen über die Schulter.

Elfi Mkesch: Diese Perspektive kennen wir alle. Unsere Eltern erzählen uns Geschichten, aber was verschweigen sie? Franzis Familie ist sehr verschwiegen. „Schweigen ist Macht“, das ist das Weltbild des Vaters.

Claudia Lenssen: Aber du zeigst den Vater bei seinen Versuchen, das Erlebte aufzuschreiben und das Kind erschließt sich die Geschichte aus seinen Fotoalben. Erzählung ist doch ein explizites Motiv in Ihrem Film.

Elfi Mikesch: Er will erzählen, aber was verschweigt er? Franzi stöbert neugierig in seinen Sachen und betritt damit einen Raum, den sie nicht betreten sollte. Das ist wie in einem bösen abgründigen Märchen. Die Gespenster, die ihr erscheinen, sprechen aus, was das Kind von den Erwachsenen aufgeschnappt hat. Dieses Zwischenreich kennen wir aus unserer Kindheit. Ich frage mich, welche eigenen Gedanken haben wir uns darüber gemacht haben.

Claudia Lenssen:  Fotodokumente, mit denen wir Nachgeborene die Hitler-Zeit  aus Sicht der Täter rekonstruieren, sind oft enttäuschend. Die Fotografien selbst schweigen.

Elfi Mikesch: Mich interessiert das Paradox, Fotografien zu lesen und auch hinter die Bilder zu schauen. Das ist Franziskas Anspruch an sich selbst und ihre Arbeit als Fotografin. Die Menge der Bilder nimmt immer mehr zu, aber die Frage ist, wie man sie entschlüsselt Wir kennen die grausamsten Bilder über den Holocaust und die Hungergeschichten der Welt. Ich finde wichtig, immer wieder zu fragen, was diese Bilder mit uns machen.

Claudia Lenssen: Erzählt Franziskas skeptische Haltung auch etwas über deine persönliche Haltung zu deiner Entscheidung für den Beruf der Fotografin, Kamerafrau und Filmemacherin?

Elfi Mikesch: Auf der Gegenwartsebene des Films fotografiert Franziska im Schlachthof ein Tier, das wenige Minuten vorher noch gelebt hat. Sie sieht die Zuckungen des Herzens und antwortet auf die Frage des Metzgergehilfen, was am Ende bei ihrer Arbeit herauskomme: „Nur ein Bild.“ Ihr Interesse, hinter die Bilder zu schauen, durchzieht den ganzen Film. Bei jeder Fotografie gibt es Vorher und ein Nachher, das ist es, was uns Bilder eigentlich geben.

Claudia Lenssen: Da gibt es eine Verbindung zu deinem fotografischen Werk, das zu einem großen Teil um das Thema Vergänglichkeit kreist. Was fasziniert dich am Vanitas-Motiv?

Elfi Mikesch: Ich kann das von meiner Seite nicht eindeutig sagen. Nur in der Reflexion, wenn du dir die Bilder ansiehst, kannst du dir Fragen stellen. Das ist es, was ich als Kommunikation zwischen mir und dem Betrachter oder der Betrachterin sehe. Bilder, denke ich, sind nicht dazu da, um eine Selbstgeschichte darzustellen, das ist eine wilde Kommunikation, bei der ich nicht weiß, wie sie ausgeht. Ich kann mir selber die Antwort nicht geben, weil die Welt für mich grundsätzlich ein Ausdruck von beiden Elementen ist: Es lebt und es stirbt, und das kommt zusammen. Was sich in den Bildern ausdrückt, ist dann eine Frage der Betrachtung.
Vanitas-Bilder mache ich seit meinen Anfängen. Gegenstände in Verfall, Dinge, die uns umgeben, faszinieren mich, weil ich in einem stillen Bild alles still betrachten kann. Bei Menschen, die ich fotografiere, fasziniert mich etwas vollkommen anderes. Sie sind lebendig in Ausdruck und Bewegung, da beobachte ich den Zwischenraum. Ich habe lange gebraucht, um dahinter zu kommen, was mich daran interessiert: Es sind die Zwischenräume, die Pausen zwischen einer Aufnahme und der nächsten.

Claudia Lenssen:  Du bringst die Bilder aus den Foto-Alben des Vaters in deinem Film in Bewegung und du kreierst mithilfe der Musik einen eigenen emotionalen Raum. Suchst du als Filmemacherin über die Fotografie hinaus das „Zucken in den Bildern“?

Elfi Mikesch: Ich verbinde Fotografie und Film. „Fieber“ ist ja auch sehr fotografisch gefilmt durch die Arbeit meines Kameramannes Jerzy Palacz. Ich untersuche auch hier die Zwischenräume vor und nach den Bildern. Bei der Fotografie halten wir inne, können das Bild genau ansehen und eine Geschichte hineininterpretieren, im Film bekomme ich eine Geschichte erzählt.

Claudia Lenssen: Du erzählst elliptisch und lässt Vieles aus. Ist die Vaterfigur nicht eher Opfer als Täter? Die emotionale Verbindung zwischen Kindern und Eltern, die deine Perspektive ist,  schließt ja aus, dass Franziska ihn beschuldigen könnte.

Elfi Mikesch: Er ist als Soldat sehr ambivalent Opfer und Täter zugleich. Wozu brauchen wir Soldaten? Warum werden Waffen produziert? Darin besteht meine Anklage. Das Kind stellt die entscheidende Frage nach dem fünften Gebot, nicht zu töten. Es liebt Vater und Mutter, muss aber erkennen, dass das ideale Bild der Eltern nicht existiert. Die Mutter ist durch ihr Schweigen beteiligt, der Vater hat in der Kolonialzeit gedient. Aber natürlich erleiden Soldaten die Kriege auch. Sie sind traumatisiert, auch in allen gegenwärtigen Kriegen, und daraus resultiert das Schweigen. Opfer und Täter können oft nicht sprechen über die Verrohung und dieses Kriegs-Fieber. Das will ich berühren, durch den Dialog zwischen Sprache, Musik und Bild. Ich suche nicht die Oberfläche sondern die Tiefe der Emotion. Ich möchte den Konflikt zeigen, denn das Mädchen, sein Bruder und die Mutter lieben diesen Menschen – fast unmöglich angesichts der grausamen Geschichte.
Ich stelle die individuelle Täterschaft in Frage. Es geht mir um die universelle gesellschaftliche Frage, warum es Armeen gibt und warum mit Waffen Geld verdient wird. Es muss einem klar sein, dass Deutschland an dritter Stelle des internationalen Waffenexports steht.
Auf der anderen Seite sehe ich auch die grausamen Konflikte, bei denen wir nichts tun. Ich habe mich mit Jörg Armbusters Buch über den Syrien-Konflikt beschäftigt, das gute Einblicke in diesen wahnwitzigen Konflikt gibt. Mein Film geht zurück zu der Ursächlichkeit, denn die europäischen Länder haben die Region des Mittleren Ostens in den zwanziger Jahren unter sich verteilt. Dass Deutschland z. B. durch die Lieferung von Komponenten zur Giftgasproduktion indirekt an den jüngsten Giftgasattacken in Syrien beteiligt ist, verpufft einfach in unserer Öffentlichkeit. Die großen Zusammenhänge, die Katastrophen produzieren, sind uns oft nicht bewusst. Ich setze mit meiner „Fieber“-Geschichte bei der Familie, dem kleinsten Glied der Gesellschaft, an. Da bearbeite ich einen Teil der großen Frage.

Claudia Lenssen: Am Schluss des Films besucht die erwachsene Franziska eine Familie in Novi Sad, die den Vater als jungen Mann kannte, aber im Lauf der Kriege des 20. Jahrhunderts die biografischen Einzelheiten vergessen hat.

Elfi Mikesch: Es gibt da eine aufgebrachte Frau, die bitter davon spricht, dass die Kriegsflüchtlinge der Balkan-Kriege der19 90er-Jahre vergessen sind. Das zieht sich durch die Geschichte des Jahrhunderts. Der erste Weltkrieg war eine absolute Katastrophe und wie der zweite verantwortlich für alles, was folgte.
Claudia Lenssen: Franziska erinnert sich in einer Kirche in Novi Sad an die Jugend des Vaters und die „Strengheiten“ seiner katholischen Seminaristenzeit. Er führt das System der Züchtigungen in der Familie fort.

Elfi Mikesch: Es geht mir um die autoritären Systeme, die Teil unserer Geschichte sind. Der Vater ist geprägt durch die Erziehung der Jesuiten, die sein Ideal geblieben ist. Damit glaubt er, in einer wahnsinnigen masochistischen und z. T. sadistischen Haltung der Selbstqual alles bewältigen zu können, was ihm das Leben auferlegt. Er wiederholt die „Strengheiten“, unter denen seine ganze Familie zu leiden hat.

Claudia Lenssen: Du spaltest die weibliche Gegenwelt auf. Neben der Mutter gibt es Marguérite, die Nachbarin und Geliebte des Vaters, die du als erotische Ikone beschreibst. Ist sie eine Phantasiefigur des Kindes Franziska?

Elfi Mikesch: Das bleibt ein Familiengeheimnis. Wenn Franzi es lösen will, als sie die Kellertreppe hinuntergeht, bereitet ihr das Erlebnis Albträume. Aber die mütterliche Doppelgängerin Marguérite  ist Franzis Verbündete, obwohl sie ihr harte Bandagen anlegt und erklärt, sie wisse noch nicht, wie die Welt funktioniert. Sie besitzt einen abgeklärten Humor, den Franzi im Lauf der Zeit erlernt, um mit souverän charmanter Haltung durch das Leben zu gehen. Marguérite ist mit allen Wassern gewaschen. Geheimnisse, sagt sie, sind dazu da, gelüftet zu werden. Das gibt sie Franziska mit auf den Weg, aber die Geheimnisse bergen dennoch Schrecken. Was der Vater verbirgt, sind die Verstümmelten, die wir in den Bildern sehen. Die offen gelegten Geheimnisse erschrecken das Kind, aber die Eltern meinen, es seien Märchen, Franzi könne die Bilder anschauen. Wenn sie sagen, schau dir ruhig die Welt an, wie sie ist, sind sie alles andere als verschwiegen. Franziska sagt zu Anfang: „Ich war mit Bildern zugedeckt, damit die Welt mich nicht sieht, aber ich sie.“ So ist es.

Fieber
Spielfilm, Luxemburg / Österreich / Deutschland 2014

Regie/Buch: Elfi Mikesch, Kamera: Jerzy Palacz, Ton: Hjalti Bager-Jonathansson, Szenenbild: Christina Schaffer,
Schnitt: Pia Dumont, Musik: André Mergenthaler, ProduzentIn: Bady Minck / Alexander Dumreicher-Ivanceanu
Produktion: Amour Fou Luxemburg / Amour Fou Wien / ZDF/3sat, Redaktion: Ingrid Gränz (ZDF/3sat)
Länge: ca. 90 Minuten
DarstellerInnen: Eva Mattes, Carolina Luzia Cardoso, Martin Wuttke, Nicole Max, Sascha Ley, Luc Feit, André Jung u. v. a.

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